Habibi… oder Hawara? (-> schreib es uns in die Kommentare!)

Soziales Engagement verbunden mit herausragendem Essen.Dass das kein leichtes Unterfangen ist, klingt plausibel, aber unmöglich ist nichts. Das haben auch die Gründer des Restaurants Habibi & Hawara bewiesen, indem sie während der Flüchtlinbgswelle entschieden haben zu „Hosten“ statt zu „Posten“. Sie erkannten das Potential der Menschen und entschieden sich dafür aktiv bei der Integration zu helfen.

Wie sie das geschafft haben, was ihre Vision ist und wie das Leben der Co-Initiatorin Katha Schinkinger aussieht erfahrt ihr in diesem Green Business Interview!

Viel Spaß beim Lesen!

Wir freuen uns über eure Meinung und können euch nur raten: Handeln statt reden, also ab ins Restaurant zum Brunch & Bon Appetit!

Wie und wann kamst du zur Idee ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Das Habibi & Hawara ist nicht mein erstes Unternehmen, aber sicherlich die erste Großunternehmung. Da muss ich jetzt ausholen, denn ich habe eigentlich einen Marketing & PR Background. Ich war sehr lange im PR Bereich selbständig und danach bei einem Medien- und Werbekonzern angestellt.

2015 entstand dann die Idee zu Habibi & Hawara im Rahmen der großen Fluchtbewegung und Syrien-Krise. Wir haben die Initiative „Hosten statt Posten“ gegründet, weil wir handeln wollten, anstatt unseren Gefühlen auf Facebook Ausdruck zu verleihen. Hier kommt nun Martin Rohla – unser „Ober-Hawara“ – mit seiner Stadtflucht Bergmühle ins Spiel. Wir haben in Zusammenarbeit mit NGO’s, Flüchtlinge eingeladen einen Tag im Grünen zu verbringen, um sich zumindest kurzfristig von den Strapazen zu erholen und um mit ÖsterreicherInnen ins Gespräch zu kommen. Daraus entstanden viele „Hosten statt Posten“-Events. Im Rahmen dieser Events haben wir viele geflüchtete Personen kennengelernt und nicht das Problem sondern das große Potential in ihnen gesehen.

Gut ausgebildete Menschen, die ihr Handwerk beherrschen, UnternehmerInnen, AkademikerInnen, etc.. Diese konnten logischerweise noch kein Deutsch, aber sie waren mit Wissen und Erfahrungsschatz ausgestattet.

Hier war zunächst die Idee einen UnternehmerInnen-Inkubator zu gründen und da wussten wir noch gar nicht genau in welcher Branche. Glorreicher Weise kamen wir auf die Idee, ein gastronomisches Projekt zu starten. Bis auf den Martin hatte jedoch keiner Erfahrung in diesem Bereich. Der Start war also durchaus sehr herausfordernd und ist es auch jetzt noch. Der Vorteil der Gastronomie ist, dass man jemandem das Know-how relativ schnell beibringen kann.
Die große Vision, UnternehmerInnen auszubilden, besteht nach wie vor. Wir eröffnen jetzt das zweite Habibi & Hawara im November im Wiener Nordbahnviertel und das dritte Restaurant ist für das Frühjahr 2020 geplant. Unser großes Ziel ist die Etablierung eines Social-Franchise-Systems. Denn so können rechtlich und wirtschaftlich unabhängige UnternehmerInnen unter der starken Marke Habibi & Hawara zusammenarbeiten. 

Was war damals deine Motivation und Vision?

Es hat sich ganz viel verändert. Meine Motivation, sinnstiftend zu arbeiten, stammt nicht aus dem Jahr 2015, sondern ist schon länger vorhanden. Ich habe viele PR-Kunden im Bereich Mode, Kunst und Musik betreut. Aber da war dieses nagende Gefühl in mir. Dieses: “Das reicht mir nicht, ich brauche mehr Sinn hinter meiner Arbeit”. Ich bin vierfache Mutter und da denkt man an die Zukunft der Kinder. Man denkt an Nachhaltigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit.

Der x-ten Marke zu verhelfen, Sneakers zu verkaufen, welche wahrscheinlich unter bedenklichen Bedingungen hergestellt werden, war nicht mehr das, was ich tun wollte und ich hatte den Wunsch nach einer sinnstiftenden Tätigkeit. 2015 ergab dann Eines das Andere, während ich damals noch in Karenz war.
Meine jetzige Tätigkeit ist wahnsinnig befriedigend, immer wieder auch fordernd und manchmal auch besonders herausfordernd. Im Social Business hat man sicherlich nicht dieselben Verdienstmöglichkeiten wie im „For Profit“ Bereich. Was man allerdings im Gegensatz hat, sind fantastische Kolleginnen und Kollegen und eine Vision, an der man festhalten kann und die einen auch antreibt. Und man kann sich morgens in den Spiegel schauen und seinem Spiegelbild tatsächlich antworten: „Ja, ich versuche mein Bestes.“

Gab es anfängliche Herausforderungen?

Natürlich! Die Gastronomie ist sicherlich nicht die einfachste Branche, die man sich aussuchen konnte. Speziell in Wien ist sie recht fordernd, weil es einfach so ein großes Angebot gibt – wir sind ja total verwöhnt. Wir haben so viele Restaurant-Angebote in einer sehr hohen Qualität. Da sprechen wir noch nicht von den „fine dining“ Restaurants in Wien, die auch fantastisch sind, sondern wirklich von mittelständischen Restaurants in denen man sehr, sehr gut und zu einem guten Preis essen kann. Der Wettbewerb ist recht groß und da musst du unbedingt mit Qualität in Service und Küche und einer guten Story herausstechen. Das war anfangs eine Herausforderung, weil das Personal erstmal geschult werden musste. Falls Fehler passierten, machten wir es mit Freundlichkeit und Charme wieder wett, denn natürlich dauert es eine Zeit bis die Menschen ihr Handwerk lernen. Nun sind wir jedoch auch in der Küche auf einem sehr guten Standard und die nächste Herausforderung ist die Qualität nun kontinuierlich zu steigern.

Unsere MitarbeiterInnen haben unterschiedliche kulturelle Backgrounds, z.B. stammen die meisten aus Syrien aber auch aus Kenia oder der Türkei, wodurch anfangs auch die Sprachbarriere eine Herausforderung war. Hier sind wir aber jetzt schon total über den Berg, denn die meisten MitarbeiterInnen haben laut einer Wirkungsanalyse von WU StudentInnen das Level A2 oder sogar B1 erreicht. Das konnte durch eine Kooperation mit dem AMS und Sprachkursen erreicht werden.

Wir haben viel investiert und blicken mittlerweile auf einige Milestones zurück. Und viele sollen noch kommen.

Wir haben den Hauptstandort in der Wipplingerstraße ausgebaut und können mittlerweile über 200 Sitzplätze indoor und einen Gastgarten mit nochmals 90 Sitzplätzen anbieten. Wir vertreiben unser eigenes Merchandising über unseren Webshop, Habibi & Hawara Produkte sind seit kurzem in allen Merkurmärkten und in ausgewählten Billa-Filialen in Wien erhältlich. Große Empfehlung übrigens! Wir arbeiten derzeit an unserem ersten Habibi & Hawara Kochbuch und die Expansion wird stets vorangetrieben.
Im Hintergrund ist viel Organisationsentwicklung betrieben und in Unternehmensberatung investiert worden. Wir hatten wiederum eine tolle Kooperation mit der Impulsberatung des AMS. Parallel habe ich selber mein Master-Studium Social Management an der WU Executive absolviert und die Master Thesis handelte auch vom Habibi & Hawra Social Franchising Projekt. Wir haben viel investiert, viel gelernt und unsere wichtigen Schlüsselpositionen im Betrieb ideal besetzt.
Dass wir nach 3 Jahren positiven Cashflow erwirtschaften, ist bereits ein großer Erfolg.

Wie sieht heute ein typischer Tag in deinem Leben aus?

Ein typischer Tag ist bei mir ein untypischer Arbeitstag. Man kann sich noch so viel vornehmen…, es ist immer anders. Wenn man es wahnsinnig gerne strukturiert hat und wirklich von neun bis fünf seinem Arbeitsplan folgen möchte, dann ist man hier wahrscheinlich nicht so gut aufgehoben. Es ändert sich laufend etwas und es passiert jeden Tag etwas anderes. Da muss man sowohl im Geist als auch im Handeln selbst flexibel bleiben. Ich bin zumindest einmal am Tag hier, bin im Büro und arbeite grundsätzlich sehr mobil. So habe ich das zuvor auch schon gemacht und das kommt meiner Persönlichkeitsstruktur sehr entgegen.

Was sind die wichtigsten Fähigkeiten und Qualitäten um in deiner
Branche erfolgreich zu sein?

Man braucht Mut, Unternehmergeist, Optimismus und das unbedingte Festhalten an der Vision. So würde ich das zusammenfassen. Natürlich ist auch ein gut eingespieltes Team mit unterschiedlichen technischen und akademischen Fähigkeiten wichtig. Auch meine Kommunikations-Skills haben der Unternehmung nicht geschadet.

Es ist immer gut, Menschen dabei zu haben, die gut netzwerken können, die multitasking-fähig sind und die nicht gleich einknicken, wenn der Stress nun doch einmal mehr wird.

Hast du ein Erfolgsgeheimnis?

Ich denke das Erfolgsgeheimnis ist es, nicht an ein Erfolgsgeheimnis zu glauben.

Allerdings finde ich schon, dass der Mut zu Fehlern wichtig ist. Von Martin Rola habe ich gelernt, dass es wichtig ist, keine Angst davor zu haben Entscheidungen zu treffen. Triff die Entscheidung und triff sie schnell. Wenn es nicht die Richtige war, dann kann man sie im Nachinehin noch immer korrigieren.
Ich denke das steht vielen im Weg. Denn wenn man in einem Konzern oder in einem großen Unternehmen arbeitet, wird Mut zu Entscheidungen und Fehlern ja nicht unbedingt belohnt.

Hier bei uns ist es absolut möglich Fehler zu machen… du solltest sie nur nicht wiederholen und vor allem daraus lernen.

Wie verdienst du/dein Unternehmen Geld?

Unser Unternehmen ist ein Social Business, das ganz klar auch gewinnorientiert ist. Wir schütten etwaige Gewinnen nur nicht aus, sondern re-investieren.

Entlohnung oder Gehälter für MitarbeiterInnen und ManagerInnen oder GeschäftführerInnen müssen in einem guten Business Plan von Anfang an eingeplant sein. Wir müssen ökonomisch erfolgreich sein, sonst können wir unserer sozialen und ökologischen Verantwortung und Vision nicht nachkommen.

Gibt es etwas, dass du an deiner Branche verbesserungswürdig findest?

Ja schon, gerade was die Branche Gastronomie betrifft. Es wird zunehmend härter. Ich spreche jetzt nicht nur von uns, sondern wenn man sich die Fluktuation von Personal, Restaurant Eröffnungen und Schließungen ansieht, wären Steuerentlastungen, die einerseits dem Personal zugutekommen und andererseits die Wirte überleben lassen, andenkbar. Junge AsylwerberInnen, die in einem Lehrverhältnis stehen, sollten unbedingt bleiben dürfen. Zumindest bis die Ausbildung absolviert ist und der Mensch noch weitere Jahre die Möglichkeit hat, das Gelernte zu festigen.

Was Social Entreprenuership betrifft tut sich gerade in Wien eine ganze Menge. Es gibt die SENA oder auch das Impact Hub mit einem riesigen Netzwerk mit anderen Social Entrepreneurs und viel Austausch, was ich richtig spitze und wichtig finde. Die Nachfrage nach sozialen und ökologischen Geschäftsideen ist wachsend. Das ist ein gutes Zeichen für uns alle und damit meine ich durchaus auch die nächsten Generationen. Es kann sich noch viel mehr tun, aber das ist eine gute Start-Basis.

Wenn du noch einmal neu starten könntest, würdest du etwas anders machen?

Eigentlich nein, weil „Never regret, If it’s good, it’s wonderful. If it’s bad, it’s experience.“

Ich habe mit 23 mein erstes Kind bekommen, nebenbei studiert und war dann relativ schnell selbstständig. Ich habe lange in der Lifestyleblase gearbeitet. Das war lustig, wichtig und ich habe viel gelernt. Heute kenne ich viele junge Menschen, die Ihre Social oder Green Businesses schon mit Anfang 20 starten. Wenn ich mir die so ansehe, denke ich mir nur: “Oh Gott, wo war ich bloß in diesem Alter?“. Wäre ich nochmals in dem Alter, würde ich mir vermutlich schon etwas abschauen.

Was ratest du anderen für ihr Leben und ihren Werdegang?

Ja! An sich selber glauben. Wirklich an sich selber glauben! An die Idee glauben, auch wenn sie noch so irre erscheint. Nicht gleich aufgeben sondern das Ziel verfolgen. Das Worst-Case-Szenario aufschreiben. Meistens ist es so, dass selbst der absolute Fail erstens nicht so dramatisch ist und man zweitens eine Menge daraus lernen kann.

Wenn man in Zukunft ein Unternehmen gründet oder mit der Idee schwanger geht das zu tun, muss das Thema Nachhaltigkeit von Anfang an mitgedacht werden. Das ist man sich selber, genauso wie der nächsten Generation einfach schuldig. Auch wenn sich bereits einiges tut, müssen hier auch viele große Unternehmen noch vieles aufbrechen und dringend ändern.
Eine gute Business Idee gehört also auch darauf geprüft, ob sie der nächsten Generation etwas Gutes tut oder nicht. Funktioniert die ökonomische Nachhaltigkeit? In Wahrheit sind es die 3 Säulen der Nachhaltigkeit: die Idee muss ökonomisch genauso funktionieren wie sozial und vor allem ökologisch, angesichts der kommenden Herausforderungen.

3 Kommentare
  1. “Mut zu Fehlern” & “wenn man in einem Konzern oder in einem großen Unternehmen arbeitet, wird Mut zu Entscheidungen und Fehlern ja nicht unbedingt belohnt” – so true

    LG Hawara

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