Eine echte Veränderung bewirken


Einen Gründer wie Torsten Schreiber findet man noch viel zu selten auf dieser Welt.

Zusammen mit seiner Frau Aida gründete er „Africa Green Tec“ und bringt seit 4 Jahren Strom, sauberes Wasser und Internet in Länder und Dörfer Afrikas, wo es diese, für uns Selbstverständlichkeiten, bisher nicht oder nur sehr umweltverschmutzend produziert, gab.

Eine so inspirierende Persönlichkeit kennenzulernen war uns eine besondere Freude! Deswegen sind wir schon sehr gespannt, wie euch das Interview gefällt. Für uns war es jedenfalls eine Bereicherung, eine Motivation und „ein Tritt in den Hintern“ dabei zu bleiben und die Welt positiv zu beeinflussen. Denn Grenzen gibt es nur dort, wo wir sie setzen.

Wie und wann kamst du zur Idee ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Tatsächlich bin ich ein Seriengründer, was Unternehmen angeht. Mein erstes Unternehmen gründete ich bereits mit 13 Jahren, einen Verlag. Als Drei-Käse-Hoch wollte ich gerne Journalist werden und habe bei Schülerzeitschriften gearbeitet. Zusammen mit ein paar Jungs aus meiner Klasse gründeten wir damals die erste überregionale Schülerzeitung mit dem Namen Imperfekt. Damals hatten wir dabei Unterstützung und es war eine wirklich spannende und schöne Erfahrung.

Der Auslöser für die Gründung von Africa Green Tec war 2014 der Besuch eines 20 Megawatt-Dieselkraftwerks in Mali. Dieses Monstrum hat die unglaubliche Menge von 9 Sattelzügen an Diesel verbrannt, jeden Tag. Das hat mich wirklich berührt und bewegt, sodass ich zu dem Entschluss kam etwas tun zu müssen.

Zu dem Zeitpunkt war ich noch bei „bettervest“, einer Crowdfunding Plattform für Energieeffizienzprojekte, welche ich 2012 mitgegründet hatte. Hier wurden zu dem Zeitpunkt hauptsächlich Energie-Effizienz-Projekte finanziert, um in Deutschland z.B. Glühbirnen in LEDs zu tauschen.
Im Mali hab ich gesehen, wie groß der Einfluss auf den Klimawandel wäre, wenn man solche Maschinen sinnvoll ersetzen würde und habe daraufhin zunächst bettervest für diesen, neuen Markt sensibilisiert und dann Africa Green Tec gestartet.

Was war damals deine Motivation und Vision?

Die Vision bei der Gründung war in Afrika Dieselgeneratoren durch erneuerbare Energien zu ersetzen, wobei das nicht auf Photovoltaik beschränkt ist. Das ist auch immer noch das Kernkonzept, aber unser Modell hat sich durch verschiedene andere Aspekte seitdem sinnvoll zu einem ganzheitlichen Ansatz, unserer 360 Grad Social Impact-Vision ergänzt. 2015/16 kamen der Syrienkrieg und die Flüchtlingsdebatte dazu. Heute, 2018/19, ist durch „Fridays For Future“ auch der Klimawandel selbst noch stärker im Bewusstsein der Menschen. Diese Themen aktiv und vorort zu bearbeiten sind unser Markenkern, denn wir helfen Menschen im globalen Süden gegen die Ursachen ihrer potentiellen Flucht zu kämpfen indem wir Klimaschutz betreiben und erneuerbare Energien und Technologie bringen, die den Menschen hilft lokal und selbstbestimmt Wertschöpfung zu generieren. Das klingt schon ziemlich nach einer „Eierlegenden Wollmilchsau“. Wir befinden uns mitten in den großen Themen der Zeit, so zu sagen, im Auge des Sturms, und tun das, wovon viele nur sprechen. Unser Motto dabei „#nixBlaBla

Gab es anfängliche Herausforderungen?

Die Herausforderungen haben nie aufgehört. Unsere Größte ist es, immer wieder Investoren zu begeistern mit uns Risiken einzugehen, die auch sehr hoch sind. Gleichzeitig sind unsere Themen natürlich sehr spannend und betreffen alle Menschen. Allerdings wollen wir keine Spenden sammeln, sondern möchten ein Wirtschaftsmodell aufbauen, dass unsere Kunden vorort auch als solche behandelt und nicht als Hilfsempfänger.

Nun wollen InvestorInnen natürlich auch wissen, wie sie ihr Geld zurückbekommen. Wenn die Medien dann als einzige Informationsquelle über ein Land wie z.B. Mali, Niger oder Somalia zur Verfügung stehen hat man natürlich mit ganz vielen Vorurteilen und Bildern im Kopf zu kämpfen. Oft können sich Menschen gar nicht vorstellen, dass die Leute in diesen Ländern auch über wertvolle Ressourcen verfügen. Nicht Gold, Diamanten oder seltene Erden, aber z.B. das Wissen um Saatgut und die Landwirtschaft, zu der wir mit „Bio“ wieder zurück wollen. Dort wird alles in Bio Qualität hergestellt. Darin sehen wir einen wahnsinnigen Nutzen.

Denn wenn Menschen mit diese sauberen, nicht mit Pestiziden belasteten Böden die Möglichkeit gegeben wird, das, was sie seit 100 Jahren tun, durch Strom, Wasser und Licht besser zu machen, können dort wirklich tolle fruchtbare Landschaften entstehen. Andere Probleme wie Flucht und Migration verschwinden so fast automatisch.

Wie sieht heute ein typischer Tag in deinem Leben aus?

Ich verbringe die meiste Zeit damit Fundraising zu betreiben. Die nachhaltige Finanzierung unserer Struktur ist meine Hauptaufgabe, denn Menschen, welche Geld hergeben wollen, möchten auch wissen wie der Gründer dahinter tickt. Mache verwechseln Mali auch mit Bali, aber Spaß bei Seite. Ich bin wie eine Spinne in einem sehr komplexen Netz aus Beziehungsgeflechten. Wir sind insgesamt auf drei Kontinenten unterwegs und treffen dadurch auf unterschiedliche Kulturen und sehr verschiedene Erwartungen von Stakeholdern, wodurch ich im Prinzip Beziehungsmanagement betreiben muss. Das ist oft auch sehr anstrengend, denn meine politische Meinung unterscheidet sich manchmal vom Mainstream und Investoren wollen oft nicht dass ich sie z.B. auf Facebook äußere. Da passe ich mich allerdings selten an und nenne die Dinge auch gern beim Namen.

Mittlerweile verändert mich meine Arbeit, auch optisch. Seit die Kinder in Mali gesagt haben, dass ich der Nikolaus sei, wurde mein Bart nicht mehr geschnitten. Ich freue mich immer darauf mit ihnen zu lachen und zu sehen, was wir dort erreicht haben, dass wir die Zukunft von tausenden Kindern positiv beeinflusst haben. Die Freude mitzuerleben, wenn am Abend im Dorf das erste Mal Licht angeht, das macht etwas mit einem und ist unvergesslich. Die Realität in Deutschland ist, was das angeht, sehr verschoben, was mich auch immer wieder gerne nach Mali reisen lässt, wie einen Zivilisationsflüchtling.

Was sind die wichtigsten Fähigkeiten und Qualitäten um in deiner
Branche erfolgreich zu sein?

Ich denke die interkulturelle Kommunikation, das Verständnis und die Geduld für völlig verschiedene, häufig auch diametrale, Kulturen und auch Temperaturen, ist besonders wichtig. Zwischen wegfliegen und ankommen lagen einmal schon 60 Grad Temperaturunterschied für mich. Diese „ganz andere Welt“ verstehen zu können ist eine Grundvoraussetzung. Man muss bereit sein die eigenen Denkmuster und Glaubenssätze am Abflughafen zu lassen, um sich Vorort auf die Situationen und Realitäten jedes Mal aufs Neue einzulassen.

Mein privates Lebensmotto ist ein ganz altes nämlich „Der Weg ist das Ziel“. Man lernt nie aus, setzt sich Ziele eher als Kurs und sollte dabei nicht vergessen auch den Moment zu leben.

Hast du ein Erfolgsgeheimnis?

Für mich gibt es ein Erfolgsgeheimnis, welches andere Personen sicherlich anders beurteilen würden, nämlich: Geben ohne erwarten. Ich vertraue Personen eher intuitiv wodurch das gegenseitige Vertrauen gut aufgebaut wird und man auch schnell zu Lösungen und Ergebnissen kommen kann. Dadurch wird man natürlich auch oft enttäuscht.

Wie verdienst du/dein Unternehmen Geld?

Nun, wir sind grundsätzlich eine Unternehmens-Gruppe mit drei verschiedenen Teilen.

Wir sind ein Technologie Unternehmen

Es gibt die Africa GreenTec AG, welche die technischen Lösungen, das Know-How und die Produkte entwickelt und herstellt. Unser Hauptprodukt ist der Solartainer, welcher Strom erzeugt, Strom speichert, Wasser zu Trinkwasser aufbereitet und Internet via Satelliten bereitstellen kann. Diese Anlage haben wir über mehrere Jahre entwickelt, optimiert und zu einer interessanten Plattform gemacht, die in diesen Ländern oder Dörfern eben eine enorme Entwicklung ermöglicht. 

Wir sind ein Finanzierungsservice

Zweitens haben wir festgestellt, dass die Menschen in der Lage sind für Strom zu bezahlen, aber keinen Zugang zur Finanzierung von Investitionsgütern haben. Deswegen haben wir Finanzierungseinheiten, SPVs (special purpose vehicle), Zweckgesellschaften gegründet, um die Anlagen vorzufinanzieren. Das war der zweite wichtige Schritt. Wir haben mit Crowdfunding angefangen und sind heute mit einer Gesellschaft am Kapitalmarkt, die eine Unternehmensanleihe begibt. Mit dieser Anleihe werden die Anlagen in Mali vorfinanziert. In Kürze erweitern wir dieses Modell durch eine eigene Finanzierungsplattform.

Wir sind Energieversorger

Die Dritte Gesellschaft wird lokal gegründet wie in Mail, Niger und Somalia. Die Anlage wird dann gebaut, finanziert und betrieben von dieser dritten Einheit im jeweiligen Land.

Das klingt zunächst komplex, ist aber auch logisch strukturiert, weil die Gesellschaften in unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Kulturen sind und somit auch verschiedene Stakeholder haben. Die Malische Gesellschaft z.B. hat Kunden, Menschen, welche den Strom kaufen. Die finanzierende Gesellschafft adressiert Investoren, die mit ihrem Geld etwas bewirken wollen. Wir sprechen hier von „Impact Investing“. Die R&D Gesellschaft & Holding fokussiert sich die Technologie und entwickelt sie weiter. In vielen technischen Bereichen sind wir Pioniere und stellen Lösungen zur Verfügung, wie es sie sonst vor Ort noch nicht gab. Z.B. reine Solar-Speicher-Lösungen, keine Hybrid-Diesel Lösungen, oder die lokale Umsetzung von „Smart Homes“ und intelligenten Stromzählern mit flexiblen Tarifen für die Bedürfnisse der Menschen Vorort. Wir haben in diesen Bereichen wirklich Felderfahrung und betreiben gute Lösungen.

Die erste Wertschöpfung passiert direkt bei dem Verkauf an die finanzierende Einheit, wo auch die Löhne hier in Deutschland mit einkalkuliert sind. Die Marge ist allerdings nicht besonders hoch, denn das Interesse von uns und unseren Mitarbeitern ist, den Kunden Vorort einen möglichst fairen und leistbaren Tarif anbieten zu können.

Gibt es etwas, dass du an deiner Branche verbesserungswürdig findest?

#UnfuckTheWorld, ist etwas, was ich wohl jeder Branche anheim legen möchte. Aufhören dem Planeten weh zu tun. Wenn einem das gelingt, ist man schon ein ganzes Stück weiter, glaube ich. 

Wenn du noch einmal neu starten könntest, würdest du etwas anders machen?

Ich glaube nicht, denn alles war notwendig, um da zu sein, wo man gerade ist.

Jede Erfahrung ist ein Teil der authentischen Geschichte.

Was rätst du anderen für ihr Leben und ihren Werdegang?

Ich erlebe ganz häufig, dass viele junge, gut ausgebildete Menschen nicht mehr bereit sind für Geld ihr Arbeitsleben ohne Sinnhaftigkeit zu verschwenden.
Wir befinden uns derzeit in einer Phase, in der es eine Art Kulturkampf gibt, wobei es hier um nichts Geringeres geht als das Überleben unserer Spezies. Der eine Teil fährt sozusagen mit Vollgas völlig egoistisch, während die andere Seite bereit ist, auf nicht sinnvolle Dinge zu verzichten. Diese Leute sind bereit zugunsten eines höheren Zieles oder eines gesellschaftlichen Friedens auf etwas zu verzichten bzw. Gewisses zu opfern wie z.B. kein Fleisch zu essen oder auf ein Auto zu fahren. Natürlich gibt es Grauzonen, aber grob lassen sich meiner Meinung nach auch die Menschen auf den Universitäten in diese Gruppen einteilen. Einige haben bereits einen gut bezahlten Arbeitsvertrag während des Studiums in der Tasche. Andere haben mir teilweise bereits angeboten sogar ohne Bezahlung für uns zu arbeiten, um an etwas Sinnvollem teil zu haben. Das ist natürlich zu extrem, so etwas nehme wir in der Regel nicht an. Das zeigt jedoch wie wichtig es für insbesondere die jungen Menschen geworden ist, womit sie ihre Zeit verbringen und ob sie das vor sich selbst rechtfertigen können.

Das ist total spannend, denn das birgt eine riesige Chance für unsere Gesellschaft, wenn dieses Gefühl der Unzufriedenheit zu einer Bewegung wird.

Oft erleben Aida und ich, dass Menschen es besonders toll finden, was wir tun, jedoch Angst haben selber aktiv zu werden.

Deswegen würde ich jemandem empfehlen: Gründe ein Unternehmen, wenn möglich ein „social enterprise“ oder schließe dich einem solchen an.

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